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Vorsorgeauftrag mit Auslandbezug: Welches Recht gilt und wo wird er anerkannt?

Aktualisiert: 14. Juli 2026Lesezeit: 7 Min.Redaktion tabellio.ch

Wer in einem Staat lebt, Vermögen in einem zweiten hält und Angehörige in einem dritten hat, braucht mehr als eine allgemeine Vollmacht. Das Haager Erwachsenenschutzübereinkommen koordiniert Zuständigkeit, anwendbares Recht, Anerkennung von Schutzmassnahmen und bestimmte Vorsorgevollmachten für den Fall der Urteilsunfähigkeit. Es vereinheitlicht jedoch weder alle nationalen Formulare noch die Praxis jeder Bank, jedes Grundbuchs oder jedes Spitals.

Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung und behördliche Massnahme trennen

Der schweizerische Vorsorgeauftrag nach Art. 360 ff. ZGB kann Personensorge, Vermögenssorge und Vertretung im Rechtsverkehr erfassen. Eine Patientenverfügung regelt demgegenüber medizinische Massnahmen und die medizinische Vertretung. Eine Beistandschaft oder ausländische Betreuung ist eine behördlich angeordnete Schutzmassnahme. Diese Instrumente haben unterschiedliche Voraussetzungen und Anerkennungswege.

Im Ausland werden ähnliche Dokumente etwa als continuing power of attorney, lasting power of attorney oder Vorsorgevollmacht bezeichnet. Der gleiche Name garantiert keine identische Reichweite. Vor der Gestaltung wird für jeden Staat festgehalten, wer im Ernstfall zuständig ist, welches Recht die Vertretungsmacht bestimmt, wie sie nachgewiesen wird und welche zwingenden Schutzregeln am Handlungsort gelten.

Das Haager Übereinkommen baut eine grenzüberschreitende Brücke

Für die Schweiz verweist Art. 85 Abs. 2 IPRG auf das Haager Übereinkommen vom 13. Januar 2000 über den internationalen Schutz von Erwachsenen. Grundsätzlich sind die Behörden am gewöhnlichen Aufenthalt des Erwachsenen für Schutzmassnahmen zuständig. In Vertragsstaaten werden Massnahmen nach den Voraussetzungen des Übereinkommens anerkannt und können über Zentralbehörden koordiniert werden.

FrageAusgangspunkt des HEsÜPraktische Folge
Wer ordnet Schutz an?regelmässig Behörden am gewöhnlichen AufenthaltWohnsitzwechsel früh melden und Dossier übertragen
Welches Recht nutzt die Behörde?grundsätzlich ihr eigenes RechtMassnahme kann sich nach Umzug verändern
Was gilt für Vorsorgevollmachten?besondere Regeln in Art. 15 und 16Errichtungszeitpunkt und Rechtswahl dokumentieren
Wie wirkt eine Massnahme im Ausland?Anerkennung und Vollstreckung nach dem ÜbereinkommenEntscheid, Bescheinigung und Übersetzung beschaffen

Der Vertragsstatus ist vor allem für Anerkennung, Vollstreckung und behördliche Zusammenarbeit wichtig. Die Kollisionsregeln des Kapitels III können nach Art. 18 HEsÜ dagegen auch das Recht eines Nichtvertragsstaats bezeichnen. Für Konstellationen ausserhalb des staatsvertraglichen Anerkennungswegs enthalten Art. 85 Abs. 3 und 4 IPRG ergänzende Schweizer Regeln; eine Anerkennung im Ausland garantieren sie nicht.

Welches Recht die vorsorgliche Vertretungsmacht bestimmt

Nach Art. 15 HEsÜ unterstehen Bestand, Umfang, Änderung und Erlöschen einer im Voraus für den Fall der Schutzbedürftigkeit erteilten Vertretungsmacht grundsätzlich dem Recht des Staates, in dem die erwachsene Person bei Errichtung ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Diese zeitliche Anknüpfung sollte im Dokument und im Begleitdossier belegbar sein.

Die Person kann ausdrücklich und schriftlich stattdessen eines der im Übereinkommen genannten Rechte bezeichnen: das Recht eines Heimatstaats, das Recht eines früheren gewöhnlichen Aufenthalts oder – für dort gelegenes Vermögen – das Recht des Belegenheitsstaats. Das ist keine freie Wahl jedes beliebigen Rechts. Die Art und Weise der Ausübung der Vertretungsmacht untersteht nach Art. 15 Abs. 3 dem Recht des Staates, in dem sie ausgeübt wird.

Keine KomplettwahlEine Rechtswahl für die Vorsorgevollmacht verlegt weder automatisch die behördliche Zuständigkeit noch beseitigt sie zwingende Kontrollen am Handlungsort. Eine Schweizer Immobilienverfügung bleibt beispielsweise an Schweizer Beurkundungs- und Grundbuchregeln gebunden.

Wann die Schweizer Form des Vorsorgeauftrags passt

Ist Schweizer Recht massgebend, verlangt Art. 361 ZGB entweder vollständige Eigenhändigkeit mit Datum und Unterschrift oder öffentliche Beurkundung. Eine am Computer erstellte und bloss unterschriebene Vorlage erfüllt die eigenhändige Form nicht. Die öffentliche Beurkundung folgt dem kantonalen Verfahren und bietet bei komplexen Aufgaben, mehreren Sprachen oder Zweifeln über die Identität eine belastbare Dokumentation.

Für einen geplanten Wegzug reicht es nicht, nur eine Schweizer Musterurkunde zu übersetzen. Der Zielstaat kann eigene Registrierungen, Zeugen, medizinische Formulare, Schutzklauseln oder eine lokale Vertretung verlangen. Häufig ist ein koordiniertes Dokumentenpaar sinnvoll: ein klar abgestimmter Schweizer Vorsorgeauftrag und ein Instrument des künftigen Aufenthaltsstaats, mit ausdrücklicher Regel, ob ältere Vollmachten weitergelten oder widerrufen werden.

Widersprüchliche Vollmachten sind gefährlicher als eine erkennbare Lücke. Namen, Ersatzpersonen, Einzel- oder Kollektivvertretung, Schenkungen, Interessenkonflikte, Unternehmensbefugnisse und Immobiliengeschäfte werden über alle Fassungen hinweg abgeglichen. Eine pauschale Klausel «weltweit gültig» ersetzt diese Abstimmung nicht.

So wird die Vertretungsmacht im Ernstfall nachgewiesen

In der Schweiz prüft die KESB beim schweizerischen Vorsorgeauftrag nach Art. 363 ZGB Form, Eintritt der Urteilsunfähigkeit, Eignung und allfälligen weiteren Schutzbedarf und stellt eine Urkunde über die Befugnisse aus. Bei einer ausländischen Vorsorgevollmacht oder Schutzmassnahme sind zusätzlich HEsÜ, IPRG und der konkrete Anerkennungsweg zu prüfen. Nach Art. 22 HEsÜ werden Massnahmen aus einem Vertragsstaat grundsätzlich von Gesetzes wegen anerkannt; Art. 23 erlaubt einen Entscheid über Anerkennung oder Nichtanerkennung, Art. 25 regelt Vollstreckbarerklärung beziehungsweise Registrierung.

Art. 38 HEsÜ sieht eine Bescheinigung über Eigenschaft und Befugnisse der mit dem Schutz betrauten Person vor. Dokumente, die nach dem Übereinkommen übermittelt oder ausgestellt werden, sind gemäss Art. 41 von Legalisation und entsprechenden Förmlichkeiten befreit. Ob für andere Dokumente eine Apostille, ein Schweizer Entscheid oder weitere Registerbelege nötig sind, hängt von Herkunft, Übermittlungsweg und Zielgeschäft ab. Die Zentrale Behörde des Bundesamts für Justiz unterstützt bei behördlicher Zusammenarbeit, ersetzt aber nicht die private Rechtsvertretung.

Bank, Grundbuch, Unternehmen und Spital separat testen

Eine Vertretungsmacht kann zivilrechtlich bestehen und trotzdem für ein konkretes Geschäft zusätzliche Förmlichkeiten benötigen. Banken prüfen Geldwäscherei- und Identifikationspflichten, Grundbuchämter Vertretungsmacht und Grundstücksform, Gesellschaften Organ- und Zeichnungsrechte. Bei Eigengeschäften oder widerstreitenden Interessen kann die Vertretungsmacht eingeschränkt sein oder eine Schutzmassnahme nötig werden.

Medizinische Entscheidungen folgen zusätzlich dem Behandlungsrecht des Aufenthaltsstaats. Eine Schweizer Patientenverfügung sollte deshalb nicht als blosser Anhang einer Vermögensvollmacht behandelt werden. Inhalte wie Behandlungswünsche, medizinische Vertretung, Organspende und Zugang zu Gesundheitsdaten werden mit den lokalen Formularen und Abläufen abgestimmt.

EinsatzortVor dem Ernstfall klären
Schweizer Bankakzeptierte Legitimationsurkunde und Vollmachtsumfang
Schweizer GrundbuchImmobilienklausel, öffentliche Urkunde, Vertretungsnachweis
ausländisches Spitallokale Patientenverfügung und medizinische Vertretung
FamilienunternehmenOrganrechte, Aktionärbindungsvertrag und Notfallführung

Mobilitäts- und Aktualisierungsplan statt Schubladendokument

Der Vorsorgeauftrag wird bei jedem dauerhaften Umzug, Wechsel der Staatsangehörigkeit, Immobilienkauf, Unternehmensverkauf, Tod einer beauftragten Person oder grundlegenden Gesetzesänderung überprüft. Dabei wird nicht nur der Text aktualisiert: Hinterlegungsort, Auffindbarkeit, Kontaktangaben und der Nachweis der letzten gültigen Fassung müssen stimmen.

Die eingesetzten Personen erhalten eine kurze Einsatzakte mit zuständigen Behörden, behandelnden Stellen, Banken, Vermögensübersicht und Standort der Originale. Vertrauliche Inhalte müssen nicht unkontrolliert verteilt werden; entscheidend ist, dass im Ernstfall bekannt ist, wo eine gültige Ausfertigung erhältlich ist und welche Stelle die Befugnisse bestätigt.

GrenzeDas HEsÜ koordiniert internationale Erwachsenenschutzfragen, macht aber nicht jedes nationale Vorsorgedokument weltweit identisch wirksam. Vertragsstatus, örtliche Pflichtformen und Anerkennungspraxis müssen pro Staat und Geschäft geprüft werden.

Die Vier-Prüfungen-Matrix für jede internationale Urkunde

  1. Zielwirkung: Empfänger, Staat, Verfahren und gewünschte Rechtswirkung schriftlich festhalten. Die Zielstelle bestätigt Sprache, Aktualität, Originalform und Zusatznachweise.
  2. Recht und Form: Zuständigkeit der Urkundsperson, anwendbares Recht und Formanforderungen beider Staaten getrennt prüfen. Betroffene Fachpersonen geben denselben finalen Wortlaut frei.
  3. Echtheit und Sprache: Erst klären, ob keine Zusatzform, Apostille oder Legalisation gilt; danach Übersetzung und Beglaubigungen in der bestätigten Reihenfolge erstellen. Der Echtheitsnachweis bestätigt grundsätzlich nicht die materielle Gültigkeit.
  4. Vollzug: Originale, Ausfertigungen, Identitäts- und Vertretungsnachweise, Fristen, Versand und Registereingang einer verantwortlichen Person zuordnen.

Scans können der Vorprüfung dienen, ersetzen ein verlangtes Original aber nicht. Ein kurzes Closing-Protokoll hält fest, welche Fassung eingereicht und welche Anerkennung oder Eintragung tatsächlich erreicht wurde. So bleiben Beurkundung, Echtheitsnachweis und materielle Wirkung sauber getrennt.

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Häufige Fragen

Gilt ein Schweizer Vorsorgeauftrag automatisch im Ausland?

Nein. Das HEsÜ kann anwendbares Recht, Behördenzuständigkeit und Anerkennung koordinieren, doch Vertragsstatus, örtliche Ausübungsregeln und der konkrete Nachweis bleiben zu prüfen.

Kann ich im Vorsorgeauftrag frei ein ausländisches Recht wählen?

Nur innerhalb von Art. 15 HEsÜ: insbesondere ein Heimatrecht, das Recht eines früheren gewöhnlichen Aufenthalts oder für dortiges Vermögen das Belegenheitsrecht. Die Wahl muss ausdrücklich und schriftlich erfolgen.

Braucht eine ausländische Vorsorgevollmacht in der Schweiz immer eine Apostille?

Nein. Für Dokumente, die nach dem HEsÜ übermittelt oder ausgestellt werden, gilt die Befreiung nach Art. 41. Ausserhalb dieses Wegs entscheiden Dokumentart, Herkunft, Staatsverträge und Zielstelle; eine Apostille bestätigt nur die amtliche Herkunft.

Ersetzt der Vorsorgeauftrag eine Patientenverfügung?

Nein. Personensorge kann medizinische Vertretung berühren, doch Behandlungswünsche und die lokalen Regeln medizinischer Entscheidungen sollten in einer eigenen, abgestimmten Patientenverfügung festgehalten werden.

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Quellen & StandIPRG Art. 85: internationaler Erwachsenenschutz · ZGB Art. 360–369: Vorsorgeauftrag · HCCH: Erwachsenenschutzübereinkommen, insbesondere Art. 5, 15, 18, 22, 23, 25, 38 und 41 · HCCH: aktueller Vertragsstaatenstatus des HEsÜ · Bundesamt für Justiz: Internationaler Erwachsenenschutz · Bundesamt für Justiz: Rechtliche Grundlagen Erwachsenenschutz · EDA: Beglaubigung ausländischer und schweizerischer Urkunden. Keine Rechts-, Steuer- oder Finanzierungsberatung; kantonale Regeln und konkrete Unterlagen sind im Einzelfall zu prüfen. Quelle: tabellio.ch, geprüft gegen die zitierten Primärquellen, Stand Juli 2026.